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2011

Preisträger

Lobbe Industrieservice GmbH & Co.KG

Projekt

Recycling von gebrauchten Photovoltaikmodulen

Laudatio

Laudatio von Herrn Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft Frank Kupfer,
(wegen Verhinderung des Staatsministers bat er den Vorsitzenden der Zukunftsstiftung Südraum Leipzig um Vortrag seiner Laudatio)

Als Minister nehme ich ja recht häufig an Preisverleihungen teil. Diese hier ist mir besonders wichtig, denn sie ist für mich eine Brücke; eine Brücke von einer bitteren Vergangenheit in unser gemeinsam gut gestaltetes Heute, Hier und Jetzt.

Auch wenn der alte Brückenpfeiler zum Glück immer weiter außer Sichtweite gerät, möchte ich diese Brücke nicht abreißen. Mir ist es immer noch wichtig, zu erinnern an das, was mutige Menschen vor über 20 Jahren erreicht haben. Außerdem ist ein Rückblick auf den schwierigen Stand, von dem wir unseren heutigen Wohlstand aufgebaut haben, vor allem für diejenigen notwendig, die trotz des Erreichten immer wieder ein neues Haar in der Suppe finden.

Ich habe vor zwei Jahren zu Ihrem 10-jährigen Jubiläum Goethes Faust zitiert: „Freiherzige Wohltat wuchert reich.“
Wer wie ich das Wirken der Stiftung begleitet, wird bestätigen, dass die „Eine Mark für Espenhain“ nicht besser hätte eingesetzt werden können. Die einst vom Christlichen Umweltseminar Rötha gepflanzten Bäume haben gerade mit den vielen von der Stiftung geförderten Projekten reichliche Früchte getragen.

Das gemeinnützige Wirken der Zukunftsstiftung wuchert mit jedem weiteren verliehenen Zukunftspreis mehr. Die ausgezeichneten Firmen aus dem Leipziger Raum haben mit Ihren Ideen die Region vorangebracht, ja manche Ideen lösen Probleme, die nicht nur auf den Südraum von Leipzig begrenzt sind.

Auch heute soll eine Firma geehrt werden, deren Projekt weit über Leipzig hinaus sehr, sehr vielen Menschen von Nutzen ist. Der Preisträger wirkt in einer Branche, der eine glänzende Zukunft vorausgesagt wird. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln ist die Branche seit 1995 die wachstumsstärkste Branche in Deutschland. Allein im vergangenen Jahr soll nach Angaben des IW Köln der erwirtschaftete Wert bei 10 Milliarden Euro gelegen haben.

Ich spreche von der Recyclingwirtschaft. Sie gewann 2010  10 Milliarden Euro für Sekundärrohstoffe aus unserem Abfall. Ein Wert, der angesichts knapper werdender Rohstoffvorräte immer weiter steigen dürfte.

Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Und trotz immer wiederkehrender Schwankungen an den Rohstoffmärkten sind Rohstoffe teuer. Vor zwei Jahren war eine Tonne Eisenerz noch für 70 Dollar zu haben. Heute müssen die Käufer schon 170 Dollar hinblättern.

Wenn man bedenkt, dass in 41 Handys schon so viel Gold enthalten ist, wie in einer Tonne Erz, dass in Bauschutt mehr Kupfer ist, als in Erz und dass Fachleute darüber nachdenken, bereits geschlossene Deponien zu öffnen, dann muss man wahrhaftig kein Prophet sein, um der Recyclingwirtschaft eine glänzende Zukunft vorauszusagen.

Wir haben in Deutschland mit unserer seit 1993 durch die TA Siedlungsabfall gesetzlich geregelten Vorbehandlung der Abfälle, aber auch mit dem neuen Kreislaufwirtschaftsgesetz die Weichen richtig gestellt.

Das Statistische Bundesamt stellte fest, dass sich der Rohstoffeinsatz in Deutschland zwischen 1994 und 2009 um knapp ein Fünftel verringert hat – und das, obwohl in dieser Zeit das Bruttoinlandsprodukt um fast ein Fünftel stieg.

So wird in Deutschland fast 50 % des gefertigten Rohstahls aus recyceltem Stahlschrott gewonnen. Der Einsatz von Baumineralien und Erzen ging zwischen 2000 und 2008 um jeweils gut ein Viertel zurück.

Trotz dieser guten Beispiele ist noch Luft für weitere Innovationen. Besonders bei einem Produkt, das wir künftig mehr und mehr vor allem auf unseren Dächern sehen werden. Ich spreche von Photo-Voltaik-Modulen, kurz PV-Module.

PV-Module sind für jeden Rohstoffsammler eine wahre Schatztruhe: Silber, Titan, Silizium, Zinn, Kupfer, Nickel Aluminium – je nach Bauweise der Module – die Bandbreite der verwendeten Rohstoffe ist enorm.

Nach Erhebung des Verbandes PV-Cycle werden in den nächsten fünf Jahren weltweit bis zu 140.000 Tonnen gebrauchter PV-Module anfallen, die entweder auf Grund ihres Alters verbraucht sind bzw. einer älteren Generation mit niedrigerem Wirkungsgrad angehören und gegen PV-Module mit höherem Wirkungsgrad ausgetauscht werden.
Eine EU-Studie prognostiziert bis 2050 einen Anstieg der in der EU anfallenden Altmodule auf über neun Mio. Tonnen jährlich.
Eine durch das BMU geförderte Studie rechnet in Deutschland bis 2020 mit 18.000 t.

Zurzeit unterliegen Photovoltaik-Anlagen nicht den Bestimmungen des Elektro- und Elektronikgerätegesetzes. Das heißt, die Besitzer sind selbst für die Entsorgung von PV-Modulen verantwortlich.

Allerdings wird auf EU-Ebene über eine Neuregelung in den nächsten Jahren diskutiert, um sowohl die schädlichen Umweltwirkungen zu minimieren, als auch größere wirtschaftliche Effekte zu realisieren. Sollten die Geräte künftig unter die Regelungen der zurzeit novellierten Richtlinie über Elektro- und Elektronik-Altgeräte –abgekürzt WEEE-Richtlinie - fallen, wird der Anteil der ordnungsgemäß behandelten und wiederverwerteten Altmodule mit 85 Prozent angenommen.

Mit derzeit verfügbaren Aufbereitungstechniken könnten somit rein rechnerisch, unter Berücksichtigung von Sammel- und Recyclingkosten sowie der verbleibenden externen Umweltkosten, die aus der Freisetzung von Blei und Kadmium resultieren, Nettoerträge von 16,6 Mrd. € pro Jahr realisiert werden.

Durch die sehr schnelle Entwicklung der Wirkungsgrade von PV-Modulen ist absehbar, dass in den nächsten Jahren große Mengen dieser Module zurückfließen. lm Sinne des Wortes "Kreislaufwirtschaft“ kommen wir nicht umhin, diese verbrauchten PV-Module zu recyceln, um die wertvollen Metalle und Halbleiterrohstoffe wieder zu nutzen.

Die Frage ist nur wie? Unser diesjähriger Preisträger hat eine entsprechende Technologie entwickelt, eine Technologie, mit der Verbundglas PV-Module getrennt und die Edelmetalle herausgelöst werden können.

Dieser Pionier des Recyclings gebrauchter Photovoltaikmodule ist der Gewinner des Zukunftspreises 2011. Es ist - - - die Firma Lobbe Industrieservice GmbH & KG. Meinen herzlichen Glückwunsch!

Die Firma Lobbe hat mit dem Projekt „Recycling gebrauchter Photovoltaikmodule“ eine Möglichkeit entwickelt, mit der Stoffgruppen aus gebrauchten und nicht mehr verwendbaren PV-Modulen zu fast 100 % wiederverwertet und zurückgeführt werden können – eine perfekte Idee um das besagte Schatzkästchen zu öffnen.


Weltweit knappe Metalle, wie Silber, Tellur und lndium sind Rohstoffe, die Deutschland außerhalb der Europäischen Union einkaufen muss. Diese Metalle sind wesentliche Voraussetzung für Hochtechnologien, mit denen Deutschland seine führende Rolle als Exportnation sichert.

Mit der gleich noch von Herrn Kramer vorgestellten Technologie besteht nun die Möglichkeit, die auf die Verbundgläser aufgedampften Metalle zu lösen und erneut zu verwenden.
Ich habe mir sagen lassen, dass an der großtechnischen Umsetzung dieser Technologie hart gearbeitet wird.

Die Firma Lobbe hat sich übrigens bereits im Bereich der Entsorgung von Sonderabfällen aus der Chip- und Solarzellenproduktion engagiert. So betreibt diese Firma am Standort Espenhain eine Anlage in der jährlich 10.000 Tonnen Flusssäure neutralisiert werden können. Auch dieses Verfahren wurden eigens bei Lobbe entwickelt.

Meine Damen und Herren,

wir haben damit heute einen sehr würdigen Preisträger, der sich mit seinem Projekt weit über die Region hinaus engagiert hat, in dem er einen für die Photovoltaik-Branche bestehenden Entsorgungsengpass beseitigt hat.

So wie hier die Firma Lobbe muss die Recyclingwirtschaft in Zukunft mehr und mehr der Wirtschaft Sekundärrohstoffe zur Verfügung stellen, mit denen Primärrohstoffe mindestens gleichwertig ersetzt werden können. Wir brauchen viele so innovative Firmen, die dabei helfen, den „Schatz vom Dach“ bzw. aus der Tonne“ zu bergen. Vielleicht bewerben sich ja im nächsten Jahr weitere Projekte.

Doch zunächst zum diesjährigen Preisträger. Ich bitte Herrn Kramer von der Firma Lobbe nach vorn, damit er die wohlverdiente Auszeichnung in Empfang nehmen und uns dann genauer von dem Projekt berichten kann.


Espenhain, 18.11.2011